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Durchs wilde Kurdistan - Drittes Kapitel AU

Er ist ihr in den Mund gefahren, denn sie klagte, daß er ihr den Hals zerkratze; dann machte er ihr die Augen größer, damit er herausgucken könne. Ihr Mund ist rot und auch ihr Gesicht, und nun liegt sie da und redet von den Schönheiten des Himmels, in den sie blicken kann. Hier war schleunige Hilfe nötig, denn es lag jedenfalls eine Vergiftung vor. Ich will sehen, ob ich dir helfen kann. Wohnest du weit von hier? Nein. Giebt es außer dem alten Hekim noch einen Arzt? Nein. So komm schnell! Wir eilten fort. Er führte mich durch drei Gassen und dann in ein Haus, dessen Aeußeres eine gewisse Stattlichkeit zeigte. Der Besitzer desselben konnte nicht zu den ärmeren Leuten gehören. Wir passierten zwei Zimmer und traten dann in ein drittes. Auf einem niedrigen Polster lag ein Mädchen lang ausgestreckt auf dem Rücken. An ihrer Seite knieten einige weinende Frauen, und in der Nähe hockte ein alter Mann, der seinen Turban abgenommen hatte und, gegen die Kranke gerichtet, laute Gebete murmelte. Bist du der Hekim? fragte ich ihn. Ja. Was fehlt dieser Kranken? Der Teufel ist in sie gefahren, Herr! Albernheit! Wenn der Teufel in ihr steckte, würde sie nicht von dem Himmel sprechen. Herr, das verstehst du nicht! Er hat ihr das Essen und Trinken verboten und sie schwindelig gemacht. Laßt mich sie sehen! Ich schob die Weiber beiseite und kniete neben ihr nieder. Es war ein sehr schönes Mädchen. Herr, rette meine Tochter vom Tode, jammerte eine der Frauen, und wir werden dir alles geben, was wir besitzen. Ja, bestätigte der Mann, welcher mich geholt hatte. Alles, alles sollst du haben, denn sie ist unser einziges Kind, unser Leben. Rette sie, ertönte eine Stimme aus dem Hintergrunde des Raumes; so sollst du Reichtum besitzen und Gottes Liebling sein! Ich schaute nach dieser Gegend hin und erblickte eine alte Frau, deren Aeußeres mich schaudern machte. Sie schien ihre hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes, aber von ihrem Haupte hingen schwere weiße Haarzöpfe fast bis auf den Boden herab. Ja, rette sie, rette mein Urenkelkind! wiederholte sie, indem sie bittend die gefalteten, ausgedorrten Hände erhob, von denen ein Rosenkranz hernieder hing. Ich werde niederknieen und zur schmerzensreichen Mutter Gottes bitten, daß es dir gelingen möge. Eine Katholikin! Hier unter den Kurden und Türken! Bete, antwortete ich ergriffen; ich werde versuchen, ob hier ein Mensch noch helfen kann! Die Kranke lag da mit offenen, heiteren Augen; aber ihre Pupillen waren sehr erweitert. Ihr Angesicht war stark gerötet, Atem und Puls gingen schnell, und ihr Hals bewegte sich unter einem krampfhaften Würgen. Ich frug gar nicht, wann die Krankheit ausgebrochen sei; ich war Laie, aber ich hatte die Ueberzeugung, daß die Kranke Belladonna oder Stramonium genossen habe. Hat deine Tochter gebrochen? fragte ich den Mann. Nein. Hast du einen Spiegel? Einen kleinen hier. Gieb ihn her! Der alte Hekim lachte heiser: Der böse Geist soll sich im Glase besehen! Ich antwortete ihm gar nicht und ließ das durch die Fensteröffnung eindringende Licht der bereits niedersteigenden Sonne so auf den Spiegel fallen, daß es auf das Gesicht der Kranken gebrochen wurde. Der blendende Strahl übte keine Wirkung auf die Iris der Kranken aus. Wann hat deine Tochter zum letztenmal gegessen? fragte ich. Das weiß ich nicht, antwortete der Vater. Sie war allein. Wo? Hier. Es ist kein böser Geist in sie gefahren, sondern sie hat ein Gift gegessen oder getrunken! Allah il Allah! Ist das wahr, Herr? Ja. Glaubt es nicht! mahnte der Hekim. Der Teufel ist in ihr. Schweig, alter Narr! Habt ihr Citronen hier? Nein. Kaffee? Ja.

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