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Durchs wilde Kurdistan Erstes Kapitel AH

Glücklicherweise war diese Vorsicht überflüssig; ich befand mich nicht in den Urwäldern Amerikas, und die guten Leute, welche ich vor mir hatte, schienen nicht die mindeste Ahnung zu haben, daß es irgend einem Menschenkinde einfallen könne, sie zu belauschen. So avancierte ich immer weiter, bis ich einen Baum erreichte, dessen Wurzeln so zahlreiche Schößlinge getrieben hatte, daß ich hinter denselben ein recht leidliches Versteck zu finden hoffte. Wünschenswert war dies besonders deshalb, weil ganz in der Nähe des Baumes zwei Männer saßen, auf die ich es abgesehen hatte, zwei türkische Offiziere. Mit einiger Vorsicht gelang es mir, mich hinter den Schößlingen häuslich niederzulassen, und nun konnte ich die Scene vollständig überblicken. Draußen vor dem kleinen Gehölze standen vier Gebirgskanonen oder vielmehr zwei Kanonen und zwei Haubitzen, und am Saume des Gehölzes waren ungefähr zwanzig Maultiere angebunden, die zum Transporte dieser Geschütze erforderlich gewesen waren. Man braucht zu einem Geschütze gewöhnlich vier bis fünf Maultiere; eins muß das Rohr, eins die Lafette und zwei bis vier müssen die Munitionskästen tragen. Die Kanoniere hatten es sich bequem gemacht; sie lagen auf dem Boden ausgestreckt und plauderten leise miteinander. Die beiden Offiziere aber wünschten Kaffee zu trinken und ihren Tschibuk zu rauchen; darum war ein Feuer gemacht worden, über welchem ein kleiner Kessel auf zwei Steinen stand. Der eine der beiden Helden war ein Hauptmann und der andere ein Lieutenant. Der Hauptmann hatte ein recht biederes Aussehen; er kam mir grade so vor, als sei er eigentlich ein urgemütlicher, dicker deutscher Bäckermeister, der auf einem Liebhabertheater den wilden Türken spielen soll und sich dazu für anderthalbe Mark vom Maskenverleiher das Kostüm geliehen hat. Mit dem Lieutenant war es ganz ähnlich. Just so wie er mußte eine sechzigjährige Kaffeeschwester aussehen, die auf den unbegreiflichen Backfischgedanken geraten ist, in Pumphosen und Osmanly-Jacke auf die Redoute zu gehen. Es war mir ganz so, als müsse ich jetzt hinter meinem Baume hervortreten und sie überraschen mit den geflügelten Worten: Schön guten Abend, Meister Mehlhuber; 'pfehle mich, Fräulein Lattenstengel; 'was Neues? Danke, danke, werde so frei sein! Freilich waren die Worte, welche ich zu hören bekam, etwas weniger gemütlich. Ich lag ihnen so nahe, daß ich alles hören konnte. Unsere Kanonen sind gut! brummte der Hauptmann. Sehr gut! flötete der Lieutenant. Wir werden schießen, alles niederschießen! Alles! ertönte das Echo. Wir werden Beute machen! Viel Beute! Wir werden tapfer sein! Sehr tapfer! Wir werden befördert werden! Hoch, äußerst hoch! Dann rauchen wir Tabak aus Persien! Tabak aus Schiras! Und trinken Kaffee aus Arabien! Kaffee aus Mokka! Die Dschesidi müssen alle sterben! Alle! Die Bösewichter! Die Buben! Die Unreinen, die Unverschämten!
Die Hunde!
Wir werden sie töten! Morgen früh gleich! Natürlich, das versteht sich! Ich hatte nun genug gesehen und gehört; darum zog ich mich zurück, erst langsam und vorsichtig, dann aber rascher. Ich erhob mich dabei sogar von der Erde, worüber Halef sich nicht wenig wunderte, als ich bei ihm ankam. Wer ist es, Sihdi? Artilleristen. Komm; wir haben keine Zeit! Gehen wir aufrecht? Ja. Wir erreichten bald unsere Pferde, stiegen auf und kehrten zurück. Die Strecke nach Scheik Adi wurde jetzt natürlich viel schneller zurückgelegt, als vorhin. Wir fanden dort noch dasselbe rege Leben. Ich hörte, daß Ali Bey sich beim Heiligtum befinde, und traf ihn mit dem Mir Scheik Khan in dem inneren Hofe desselben. Er kam mir erwartungsvoll entgegen und führte mich zum Khan. Was hast du gesehen? fragte er. Kanonen! Oh! machte er erschrocken. Wie viele? Vier kleine Gebirgskanonen. Welchen Zweck haben sie? Scheik Adi soll damit zusammengeschossen werden. Während die Infanteristen von Baadri und Kaloni angreifen, soll die Artillerie jedenfalls da unten am Wasser spielen. Der Plan ist nicht schlecht, denn von dort aus läßt sich das ganze Thal bestreichen. Es handelte sich nur darum, die Geschütze unbemerkt über die Höhen zu bringen; dies ist gelungen; man hat sich der Maultiere bedient, mit deren Hilfe die Kanonen in einer Stunde von dem Lagerplatze aus bis nach Scheik Adi gebracht werden können. Was thun wir, Emir? Gieb mir sofort sechzig Reiter mit und einige Laternen, so siehst du binnen zwei Stunden die Geschütze mit ihrer Bedienung hier in Scheik Adi! Gefangen? Gefangen! Herr, ich gebe dir hundert Reiter! Nun wohl, gieb mir sofort achtzig und sage ihnen, daß ich sie unten am Wasser erwarte. Ich ging und traf Halef und Selek noch bei den Pferden. Was wird Ali Bey thun? fragte Halef. Nichts. Wir selbst werden thun, was gethan werden soll. Was ist das, Sihdi? Du lachst! Herr, ich kenne dein Gesicht; wir holen die Kanonen? Allerdings! Ich möchte aber die Kanonen haben, ohne daß Blut vergossen wird, und darum nehmen wir achtzig Reiter mit. Wir ritten dem Ausgange des Thales zu, wo wir nicht lange warten durften, bis die achtzig kamen. Ich sandte Selek mit zehn Mann voran und folgte mit den andern eine Strecke hinter ihnen. Wir erreichten, ohne einen Feind zu sehen, die Anhöhe, auf der Selek vorhin auf uns gewartet hatte, und stiegen ab. Zunächst sandte ich einige Leute aus, welche für unsere eigene Sicherheit zu wachen hatten; dann ließ ich zehn Mann bei den Pferden zurück und gebot ihnen, den Platz ohne meinen Befehl nicht zu verlassen, und nun schlichen wir andern auf das Wäldchen zu. In passender Entfernung vor demselben angekommen, wurde Halt gemacht, und ich ging allein vorwärts. Wie vorher gelangte ich auch diesmal ohne Hindernis zu dem Baume, unter dem ich bereits gelegen hatte. Die Türken lagen in einzelnen Gruppen beisammen und plauderten. Ich hatte gehofft, daß sie schliefen. Die militärische Wachsamkeit und die Erwartung des bevorstehenden Kampfes ließen sie jedoch nicht schlafen. Ich zählte mit den Unteroffizieren und den beiden Offizieren vierunddreißig Mann und kehrte zu den Meinen zurück. Hadschi Halef und Selek, geht und holt eure Pferde!

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