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Medahs Erbe und das Geheimnis der Geschichtenerzählerin.

Die Tasse roch nach Medahs Großmutter und Medah roch nach Geschichten.

Die Tasse roch nach Medahs Großmutter, und Medah roch nach Geschichten.

Der Palast des Großherrn lag am Rande der Stadt umgeben von Gärten die so alt waren wie die Bäume die in ihnen standen.

Der Palast des Großherrn lag am Rande der Stadt, umgeben von Gärten, die so alt waren wie die Bäume, die in ihnen standen. Medah kannte jeden Baum, jeden Stein, jedes versteckte Wasserbecken, denn sie war in diesem Palast geboren, in einem kleinen Raum hinter den Küchen, und hatte nie einen anderen Ort gesehen. Ihre Mutter war eine Dienerin gewesen, ihr Vater war ein Mann, den sie nie kennengelernt hatte, und ihre Großmutter war eine Medah, eine Frau, die Geschichten erzählte, die niemand zu Ende hören wollte, weil sie zu wahr waren. Medah hatte die Geschichten ihrer Großmutter geliebt, die Geschichten von den alten Herrschern, von den Schlachten, die nie gewonnen wurden, und von den Lieben, die nie sterben durften. An dem Tag, als ihre Großmutter starb, gab sie Medah eine kleine Tasse aus blauem Porzellan. Sie ist älter als der Palast, hatte die Großmutter geflüstert. Älter als der Großherr. Älter als alle Großherren, die vor ihm kamen. Medah hatte die Tasse in ihre Hände genommen, und in diesem Moment hatte sie etwas gespürt, ein Kribbeln, das durch ihre Finger kroch und in ihrem Herzen endete. Die Tasse war warm, obwohl der Raum kalt war. Hör zu, hatte die Großmutter gesagt. Sie wird zu dir sprechen. Medah hatte gezögert, dann die Tasse an ihr Ohr gehalten. Und sie hatte sie gehört. Eine Stimme, die so leise war, dass sie nicht wusste, ob sie aus der Tasse kam oder aus ihrem eigenen Kopf. Du wirst der Schutz des Großherrn sein.

Die Stimme in der Tasse war nicht die einzige die Medah hörte.

Die Stimme in der Tasse war nicht die einzige, die Medah hörte. Im Palast gab es viele Stimmen, die flüsterten, die befahlen, die drohten. Die lauteste gehörte dem Kommandanten. Er war ein großer Mann mit einem Gesicht, das nie lächelte, und einer Stimme, die jeden Raum füllte, noch bevor er ihn betreten hatte. Seine Schritte waren schwer, sein Blick war schwerer, und wenn er durch die Gänge des Palastes schritt, wichen die Diener zur Seite, als fürchteten sie, dass sein Schatten sie treffen könnte. Medah begegnete ihm zum ersten Mal, als sie die Tasse in ihrer Kammer versteckte. Die Tür flog auf, und der Kommandant stand im Rahmen, seine Silhouette füllte das Licht aus. Du bist die Enkelin der Medah, sagte er. Seine Stimme war nicht laut, aber sie war scharf, wie die Kante eines Messers. Ja, sagte Medah. Die Großmutter ist tot. Ja. Der Kommandant trat näher. Seine Stiefel knarrten auf dem Steinboden. Er beugte sich vor, so nah, dass Medah seinen Atem auf ihrer Haut spürte, der nach Minze und Tabak roch. Du hast ihr Erbe angetreten, sagte er. Was ist mit der Tasse? Medah schwieg. Ihre Hand lag auf ihrer Brust, dort wo sie die Tasse unter ihrem Kleid versteckt hatte. Der Kommandant trat zurück. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, ein Lächeln, das nichts mit Freude zu tun hatte. Du wirst sie mir geben, sagte er. Früher oder später.

Der Großherr war ein alter Mann mit müden Augen und einer Krone die schwerer auf seinem Kopf lag als jeder Gedanke.

Der Großherr war ein alter Mann mit müden Augen und einer Krone, die schwerer auf seinem Kopf lag als jeder Gedanke. Er saß auf seinem Thron, umgeben von Beratern, die ihm zuraunten, was er tun sollte, und Dienern, die ihm zuraunten, was er denken sollte. Der Mutessariff war einer von ihnen. Er kam aus einer fernen Provinz, wo der Sand roter war als der Himmel, und er trug ein Gewand, das mit goldenen Fäden durchwirkt war. Seine Stimme war leise, aber sie hatte eine Kraft, die jeden Raum füllte, den sie berührte. Medah hatte ihn nur einmal gesehen, als er mit dem Großherrn in den Gärten spazierte. Er war klein und rundlich, mit einem Bart, der wie ein alter Wald aussah, und einem Lächeln, das wie ein kleiner, verborgener Garten war. Du bist die Enkelin der Medah, hatte er gesagt, als er sie sah. Ja, sagte sie. Deine Großmutter war eine weise Frau. Sie hat mir einmal eine Geschichte erzählt. Über eine Tasse, die den Schutz des Großherrn gewährt. Medah hatte nichts gesagt, aber sie hatte die Tasse unter ihrem Kleid gespürt, und die Tasse hatte gewarnt. Er ist nicht der Feind, flüsterte sie. Aber er ist nicht dein Freund.

Jede Nacht wenn der Palast schlief nahm Medah die Tasse aus ihrem Versteck und hielt sie an ihr Ohr.

Jede Nacht, wenn der Palast schlief, nahm Medah die Tasse aus ihrem Versteck und hielt sie an ihr Ohr. Die Stimme in der Tasse war nicht immer gleich, und die Geschichten, die sie erzählte, waren nie dieselben. Eine Nacht erzählte sie von einem Großherrn, der vor langer Zeit den Palast gebaut hatte. Eine andere Nacht von einer Liebessklavin, die den Thron des Herrschers mit einer einzigen Geste gerettet hatte. Und eine Nacht, die kälter war als alle anderen, erzählte sie von einem Kommandanten, der die Macht an sich reißen wollte, und von einem Mutessariff, der zwischen den Fronten stand. Medah hörte zu, und während sie hörte, lernte sie. Sie lernte, wie man Intrigen erkennt, wie man Lügen enttarnt und wie man den Schutz des Großherrn bewahrt, den die Tasse ihr aufgetragen hatte. Sie lernte auch, dass die Tasse nicht nur aus Porzellan bestand. Sie war ein Gefäß für alles, was die Großmutter gewusst hatte, und alles, was die Großmutter nie gesagt hatte.

Eines Tages als die Sonne hoch am Himmel stand und die Gärten im Licht erstrahlten rief der Kommandant Medah in seine Kammer.

Eines Tages, als die Sonne hoch am Himmel stand und die Gärten im Licht erstrahlten, rief der Kommandant Medah in seine Kammer. Seine Diener führten sie durch die Gänge, und ihre Schritte hallten auf den Steinen, als würden sie eine Geschichte erzählen, die niemand hören wollte. Der Kommandant saß an einem Tisch, auf dem eine Karte des Palastes lag. Seine Finger trommelten auf das Papier, und sein Blick war fest auf sie gerichtet. Ich habe dir gesagt, dass du mir die Tasse geben wirst, sagte er. Und ich habe dir gesagt, dass es früher oder später passieren wird. Medah sagte nichts. Der Kommandant stand auf und ging zu einem Schrank, der mit alten Dokumenten gefüllt war. Er zog ein Pergament heraus, das vergilbt und an den Rändern eingerissen war. Das ist ein Befehl des Großherrn, sagte er. Er gibt mir die Erlaubnis, alle Gegenstände zu beschlagnahmen, die im Palast von historischem Wert sind. Deine Tasse gehört dazu. Medah trat einen Schritt zurück. Ihre Hand lag auf ihrer Brust, und die Tasse war warm. Die Tasse gehört mir, sagte sie. Sie ist das Erbe meiner Großmutter. Der Kommandant lächelte, und sein Lächeln war wie ein Riss in einer Mauer. Deine Großmutter war eine Medah, sagte er. Eine Geschichtenerzählerin. Und Geschichtenerzählerinnen haben kein Erbe. Sie haben nur Geschichten.

In jener Nacht als der Palast in Dunkelheit versank kam der Mutessariff zu Medahs Kammer.

In jener Nacht, als der Palast in Dunkelheit versank, kam der Mutessariff zu Medahs Kammer. Er klopfte leise, seine Stimme war kaum hörbar. Öffne mir, sagte er. Es eilt. Medah öffnete die Tür. Der Mutessariff trat ein, sein Gesicht war blass, seine Hände zitterten. Der Kommandant hat den Großherrn vergiftet, sagte er. Nicht tödlich, aber er wird in den nächsten Tagen nicht in der Lage sein, Befehle zu erteilen. Der Kommandant wird die Macht übernehmen, es sei denn, jemand hält ihn auf. Warum erzählen Sie mir das?, fragte Medah. Der Mutessariff sah sie an. Seine Augen waren dunkel, aber sie hatten einen Glanz, der an die Geschichten ihrer Großmutter erinnerte. Weil deine Tasse der einzige Schutz ist, den wir haben, sagte er.

Medah wusste dass sie den Palast verlassen musste.

Medah wusste, dass sie den Palast verlassen musste. Wenn der Kommandant sie fand, würde er die Tasse nehmen, und dann wäre der Schutz des Großherrn verloren. Sie nahm die Tasse, wickelte sie in ein Tuch und verließ ihre Kammer in der Stille der Nacht. Die Gänge des Palastes waren dunkel, ihre Schritte hallten kaum auf den Steinen. Sie folgte den Wegen, die ihre Großmutter ihr gezeigt hatte, den Wegen, die durch die Küchen führten, an den Vorratsräumen vorbei, durch einen geheimen Durchgang, den nur die Diener kannten. Sie erreichte das Tor, das in die Gärten führte, und spürte, wie die Tasse in ihrer Hand warm wurde. Lauf, flüsterte die Tasse. Aber nicht weit. Du wirst zurückkommen müssen. Medah rannte.

Draußen im Licht des Mondes sah sie die Gärten die sie ihr Leben lang gekannt hatte.

Draußen, im Licht des Mondes, sah sie die Gärten, die sie ihr Leben lang gekannt hatte. Die Bäume standen noch, die Blumen blühten, und das Wasser plätscherte in den Brunnen. Sie setzte sich auf die Steine, die ihre Großmutter oft besucht hatte, und öffnete das Tuch, in dem die Tasse lag. Die Tasse war warm, und als sie sie ans Ohr hielt, hörte sie eine Stimme, die sie kannte. Du trägst das Erbe deiner Großmutter in dir, sagte die Stimme. Nicht nur die Tasse. Die Geschichten. Die Weisheit. Die Liebe, die sie in die Tasse gelegt hat. Medah schloss die Augen. Sie sah ihre Großmutter, wie sie am Feuer saß und Geschichten erzählte, und sie sah die Menschen, die zugehört hatten. Die Tasse ist ein Gefäß für all das, sagte sie leise. Ja, sagte die Stimme. Und jetzt musst du es weitertragen.

Am nächsten Morgen kehrte Medah zurück.

Am nächsten Morgen kehrte Medah zurück. Sie wusste, dass der Kommandant sie suchen würde, aber sie wusste auch, dass sie nicht länger weglaufen konnte. Sie fand den Großherrn in seinen Gemächern, umgeben von seinen Ärzten. Er war blass, aber seine Augen waren klar, als er sie sah. Du bist die Enkelin der Medah, sagte er. Seine Stimme war schwach, aber sie hatte noch Kraft. Ja, sagte sie. Der Kommandant hat mich vergiftet, sagte der Großherr. Aber ich werde nicht sterben, denn ich habe dich. Medah trat näher und legte die Tasse auf den Tisch neben seinem Bett. Die Tasse ist der Schutz des Großherrn, sagte sie. Und ich bin die Hüterin der Tasse. Der Großherr lächelte. Es war ein Lächeln, das die Jahre trug, aber auch etwas, das wie Dankbarkeit aussah. Dann wird der Großherr beschützt sein, sagte er.

Der Kommandant betrat die Gemächer des Großherrn sein Gesicht war rot vor Zorn.

Der Kommandant betrat die Gemächer des Großherrn, sein Gesicht war rot vor Zorn. Die Ärzte wichen zurück, die Diener versteckten sich hinter den Vorhängen. Du hast die Tasse zurückgebracht, sagte er. Das war ein Fehler. Medah stand auf und stellte sich zwischen den Kommandanten und den Großherrn. Die Tasse gehört nicht dir, sagte sie. Sie gehört den Geschichten, die sie in sich trägt. Sie gehört denen, die sie schützen wollen. Der Kommandant lachte. Er zog seinen Dolch, und der Stahl glänzte im Licht. Dann werde ich sie mir nehmen, sagte er. In diesem Moment trat der Mutessariff aus dem Schatten und legte seine Hand auf den Arm des Kommandanten. Das wirst du nicht tun, sagte er.

Der Mutessariff sprach und seine Stimme war ruhig aber sie hatte ein Gewicht das den Raum füllte.

Der Mutessariff sprach, und seine Stimme war ruhig, aber sie hatte ein Gewicht, das den Raum füllte. Der Kommandant hat nicht nur den Großherrn vergiftet, sagte er. Er hat auch den Palast bestohlen, die Diener misshandelt und die Geschichten der Medah unterdrückt. Die Tasse ist nicht nur ein Gefäß für Erinnerungen. Sie ist ein Beweis für all das, was er getan hat. Der Kommandant trat zurück, sein Gesicht war blass. Er ließ den Dolch sinken. Das ist eine Lüge, sagte er. Der Mutessariff schüttelte den Kopf. Nein, sagte er. Es ist die Wahrheit, die in der Tasse aufbewahrt wurde. Die Tasse der Medah hat nicht nur Geschichten bewahrt. Sie hat die Erinnerungen bewahrt, die der Kommandant zu löschen versuchte. Medah trat zu der Tasse und nahm sie in ihre Hand. Sie war warm, und sie spürte, wie die Stimme ihrer Großmutter durch sie hindurchströmte. Alles, was der Kommandant getan hat, ist in der Tasse aufgezeichnet, sagte sie. Jede Lüge, jedes Verbrechen, jeder Verrat. Der Kommandant ging zur Tür, aber der Mutessariff versperrte ihm den Weg. Du wirst bleiben, sagte er. Und du wirst Gerechtigkeit erfahren.

Der Kommandant wurde vor den Thron des Großherrn geführt.

Der Kommandant wurde vor den Thron des Großherrn geführt. Die Diener versammelten sich, die Berater traten hervor, und Medah stand neben dem Großherrn, die Tasse in ihrer Hand. Die Tasse wird ihren Schutz weitergeben, sagte der Großherr. Sie wird den Palast und all seine Bewohner bewahren, solange sie in den Händen derjenigen bleibt, die die Geschichten kennen. Medah sah den Kommandanten an. Sein Gesicht war das eines besiegten Mannes, aber in seinen Augen war noch etwas, ein Funke, der nicht erloschen war. Die Geschichten in der Tasse sind nicht nur über dich, sagte sie leise. Sie sind auch über die, die nach dir kommen werden. Und sie werden dich nicht vergessen. Der Kommandant wurde abgeführt, und Medah stand allein mit der Tasse in ihrer Hand. Sie spürte, wie die Wärme der Tasse in ihre Haut überging, und sie wusste, dass sie nie wieder allein sein würde.

Jahre später als Medah selbst eine alte Frau war saß sie in den Gärten des Palastes und erzählte Geschichten.

Jahre später, als Medah selbst eine alte Frau war, saß sie in den Gärten des Palastes und erzählte Geschichten. Die Enkel der Diener hörten ihr zu, und die Enkel der Berater saßen am Rand der Brunnen und lauschten. Die Tasse der Medah war nicht mehr in ihrem Besitz. Sie hatte sie an ihre älteste Enkelin weitergegeben, so wie ihre Großmutter sie an sie weitergegeben hatte. Aber die Geschichten blieben bei ihr. Sie saß da, die Hände gefaltet, das Lächeln ihrer Großmutter auf den Lippen, und sie erzählte von den alten Herrschern, von den Schlachten, die nie gewonnen wurden, und von den Lieben, die nie sterben durften. Die Tasse war nur ein Gefäß. Die Geschichten waren das, was blieb. Und solange jemand da war, der sie erzählte, würde der Schutz des Großherrn niemals enden.


Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler

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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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die tausendmal gehörten Geschichten von Abu-Szaber, dem Schulmeister, dem Liebessklaven Ganem, von Nureddin Ali und Bedreddin Hassan in den Alpen 7144­­


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